Joël-Luc Cachelin über die digitale Transformation

Dr. Joël Luc Cachelin (1981) inspiriert und begleitetet mit der Wissensfabrik Unternehmen in der digitalen Transformation. Das Digital Shapers Ranking 2017 zählt ihn zu den zehn führenden digitalen Vordenkern der Schweiz. Er hat an der Universität St.Gallen Betriebswirtschaftslehre studiert, zur Zukunft des Managements doktoriert und an zwei Instituten gearbeitet. In den letzten zwei Jahren bildete er sich an der Universität Bern und HWZ Zürich zum Thema disruptive Technologien weiter. Er ist Mitglied des Digitalisierungsbeirats der Swisscom und hat mehrere Sachbücher über die Digitalisierung veröffentlicht, darunter “Offliner - Die Gegenkultur der Digitalisierung“, “Update! Warum die digitale Gesellschaft ein neues Betriebssystem braucht” und zuletzt „Internetgott - Die Religion des Silicon Valley“ (Stämpfli, 2017.)

Joël-Luc Cachelin, CEO Wissensfabrik
Herr Cachelin, Sie zählen zu den wichtigsten digitalen Vordenkern der Schweiz. Wie ist es dazu gekommen?

In meinem Studium an der Universität St. Gallen habe ich mich viel mit der Frage auseinandergesetzt, welche Trends unsere Zukunft prägen werden. Momentan ist die digitale Transformation die wichtigste Veränderungskraft für Wirtschaft und Gesellschaft. 

Wie stehen Sie selber zur Digitalisierung?

Ich bin ein grosser Fan der Digitalisierung. In meiner beruflichen Funktion bin ich jedoch häufig Diplomat und weise Unternehmen einerseits auf die Chancen, andererseits auf die Gefahren der Digitalisierung hin. Ich finde es sehr wichtig, beide Aspekte sichtbar zu machen. Besonders interessiert mich die Diskussion rund um mögliche Nebenwirkungen der Digitalisierung.

An welche Nebenwirkungen der Digitalisierung denken Sie?

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Geschwindigkeit. Die Lebenszyklen von Unternehmen, Produkten, Technologien und Berufen werden kürzer. Der Wandel wird zum Alltag.

Es besteht die Gefahr, dass unterschiedliche Geschwindigkeiten die Zweiklassengesellschaft forcieren. Globale Unternehmen haben die Ressourcen und Fähigkeiten, die Digitalisierung rasch voranzutreiben. Politik, Recht, Bildung oder auch Sozialversicherungen verändern sich dagegen langsamer. 

Was kann dagegen gemacht werden?

Es braucht gesellschaftliche Reformen sowie eine digitale Verwaltung. Themen wie eGovernment, eIdentity oder eHealth sind angedacht, aber die Lösungen verzögern sich oder sind blockiert. Länder wie Singapur, Schweden oder Estland sind hier viel weiter. Zudem müssen wir uns von den Ängsten lösen. Es fehlen Visionen und positive Zukunftsszenarien. Insbesondere die Politik sollte mögliche Entwicklungen antizipieren und mutig vorangehen.

Sind wir in der Schweiz mit unserem konsensorientierten Politsystem überhaupt dazu fähig?

Ja, aber es braucht einen digital affineren Bundesrat, der sich wagt, auch grosse Reformen anzustossen. Zudem braucht es mehr Diversität, nicht nur in der Verwaltungsspitze sondern auch in den Verwaltungsräten. Wir haben jetzt die einmalige Chance, die Schweizerische Gesellschaft neu zu erfinden. 

Welche Reformen braucht es?

Es braucht Updates im Bereich der Infrastruktur, der Sozialversicherungen, der Bildung oder der Verwaltung. 

Ist die Schweizerische Gesellschaft bereit dazu?

Ja, wir sind eine offene und innovationsstarke Gesellschaft. Dabei ist die Diversität unseres Landes sehr wichtig. Die Zukunft ist ein Kombinationsspiel. Es gewinnt, wer Fähigkeiten, Wissen und Daten am besten kombinieren kann.

Was ändert sich sonst noch für Firmen und andere Institutionen?

Arbeitsräume, Organisationsformen und Führungsverständnisse verändern sich. Die heutigen Grenzen relativieren sich. In wirtschaftlichen Clustern wird die Zusammenarbeit zunehmen und der Wettbewerb abnehmen. Zwischen den Clustern aber wird der Wettbewerb härter.

Was fällt Ihnen spontan beim Begriff der digitale Lebensraum ein?

Die digitale Welt findet heute vor allem vor dem Bildschirm statt. Mit der Augmented Reality holen wir diese virtuelle Welt aus der heutigen «Isolationshaft» in die analoge Welt zurück. Das Digitale wird als Entry Point für den analogen Lebensraum noch wichtiger werden. Was digital sichtbar ist, vernetzt sich, was digital nicht präsent ist, bleibt unsichtbar – zum Teil natürlich ganz bewusst. 

Interview geführt von Pol Budmiger, Leiter GEOSummit