Geographieunterricht im digitalen Zeitalter


Marcel Engel ist im Engadin aufgewachsen und zur Schule gegangen und hat anschliessend Geographie- und Geschicht in Zürich studiert. Seit 2005 lehrt er am Freien Gymnasium Zürich. Er engagiert sich seither an an seiner Schule dafür, dass GIS ein integraler Teil des Geographieunterrichtes wird. 

Was bedeutet Digitalisierung in deinem beruflichen Kontext?

Die Digitalisierung bedeutet für mich in meinem Kontext als Geographie- und Geschichtslehrer zunächst, ein breiteres didaktisches Repertoire für den Unterricht zur Verfügung zu haben. 

Was wird sich deiner Meinung nach am ehesten verändern im Zuge der Digitalisierung?

Die stärksten Veränderungen in Zusammenhang mit meinen Unterrichtsfächern sehe ich in Bezug auf die Digitalisierung bei der zunehmenden Unmittelbarkeit und Zugänglichkeit von Daten und wissenschaftlichen Ergebnissen für den Unterricht. Dadurch rücken aus meiner Sicht die Lebenswelten von Gymnasium, Universität, statistischen Ämter und Lebenswelt der Schüler näher zusammen.

Die Unmittelbarkeit der Kommunikation ist ein weiterer Aspekt, welcher sich im Zuge der Digitalisierung verändert hat. Wir können nun über digitale Plattformen, wie «Teams», schneller Themen erarbeiten, für die ganze Klasse zugänglich machen und danach Online wieder diskutieren. Ebenfalls hat sich der Anspruch, eine schnelle Antwort zu erhalten, von den Schülerinnen und Schülern verändert. Ich muss inzwischen meinen Klassen kommunizieren, dass ich auf Fragen, welche nach 19:30 Uhr per Chat, E-Mail oder anderen Kanälen gestellt wurden, keine Antwort mehr garantieren kann und will. 

Wenn Du die Situation heute mit vor zehn Jahren vergleichst, welches sind die markantesten Veränderungen?

Durch die Benutzerfreundlichkeit der neuen Hardware und Software, sowie die verbesserte Zugänglichkeit von Daten im Verhältnis zur Situation vor zehn Jahren haben sich ganz neue didaktische Möglichkeiten und Themenfelder für den Unterricht eröffnet.

Welche konkreten Beispiele kannst du dazu aufzählen?

Heute ist ein «mini Forschungsprojekt» im Bereich von Gis mit einer Schulklasse mit einem vielfach geringeren Aufwand möglich und kann auch innerhalb von einer Doppellektion durchgeführt werden. Vor zehn Jahren wäre ein solches Projekt nur semesterfüllend durchführbar gewesen.

So habe ich beispielsweise zusammen mit einer ersten Gymnasialklasse im Sommer 2017 eine «Glacéfinder App» für die ganze Schule, inklusive Survey Programmierung, Datenerfassung im Seefeld, Auswertung und WebApp Erstellung kreiert. Der daraus resultierende Mehrwert für die Schülerinnen und Schüler der Klasse bezüglich Denken über Raum und Struktur, aber auch über Forschung und die Konfiguration von Forschung (Programmierung eines Surveys beispielsweise) ist beeindruckend. Die neuen digitalen Plattformen bieten neue Möglichkeit der Kommunikation mit der Klasse. Schnelle unmittelbare Rückmeldungen durch mich als Lehrer, aber auch durch die Schülerinnen und Schüler selbst untereinander, zu schriftlich erarbeiteten und veröffentlichten Themen sind inzwischen im Schulalltag angekommen. Dies lässt eine aus meiner Sicht, sehr unmittelbare positiven Feedbackkultur im Unterricht entstehen, welche natürlich geübt werden muss. 

Wer wird von der Entwicklung der Digitalisierung profitieren, wer wird verlieren?

Als Geographielehrer und Geschichtslehrer denke ich, dass vor allem die Zugänglichkeit zu Informationen und Daten, aber auch die Fähigkeit mit diesen Daten umzugehen, entscheidend sein wird, wer von der Digitalisierung profitieren oder als Verlierer dastehen wird. Matchentscheidend  für diese Frage wird aus meiner Sicht, die Ausbildung der Lehrer und auf Schülerseite die Ausbildungsgelegenheiten und die Ausbildungsmöglichkeiten im Unterricht sein. Ganz wichtig dabei ist meiner Meinung nach, der sinnbezogene und inhaltsbezogene Einsatz von digitalen Mitteln in Schulen. Die Unterrichtszeit der Schülerinnen und Schüler ist zu wertvoll, um diese Zeit für sinnfreies Spielen mit digitalen Medien im Unterrichtskontext zu nutzen. 

Wie beurteilst du die Entwicklungen in deiner Branche im Vergleich zu anderen?

Mein Wissen bezüglich den Entwicklungen in anderen Branchen beschränkt sich auf das, was ich in Zeitungen lese oder über Twitter erfahre. Ich stelle aber fest, dass in der Bildungsbranche, in meiner Branche also, aktuell sehr viele Grundsatzdiskussionen bezüglich Digitalisierung und Methodik/Didaktik stattfinden. Das Ergebnis dieses Diskurses entscheidet schlussendlich über die Qualität und somit über die Konkurrenzfähigkeit von kommenden Generationen in der Schweiz in einer globalisierten und digitalisierten Welt. 

Was ist aus deiner Optik zu tun, damit deine Branche mit der Digitalisierung und den anstehenden Veränderungen schritthalten kann?

Die technische Einführung der Digitalisierung ist im Moment an den Schulen der Schweiz voll und ganz im Gange. Die grösste Herausforderung wird es sein, die Digitalisierung im Unterricht sinnvoll, zum richtigen Zeitpunkt und vor allem Stufengerecht einzusetzen. Gerade in den ersten Schuljahren macht es aus meiner Sicht mehr Sinn, die Grundlagen noch mit Stift und Papier, mit «Kopf, Hand und Herz» zu erlernen und erst aus einer gewissen Reife des Schülers heraus, die digitalisierten Mittel zu verwenden. Nur dann werden wir aus meiner Sicht, ein hohes Niveau bezüglich Medienkompetenz und inhaltlicher Tiefe im Umgang mit digitalen Mitteln erlangen. Ein sinnfreier, unreflektierter nur auf Spielimpuls bedachter Einsatz von digitalen Mitteln im Unterricht, gerade in den ersten Schuljahren, wird der individuellen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler mehr schaden, als dem Ziel von einer neuen Generation, bestehend aus «digital Natives», nützen. 

Sprechen wir vom GEOSummit. Was erwartest du vom Thema «Der digitale Lebensraum» am Event konkret?

Für mich als Geographielehrer sind vor allem die Schnittstellen zwischen Digitaler Welt und realer Welt interessant. Vor allem die Thematik Opendata ist ein Punkt, mit dem ich mich im Moment intensiv auseinander setzte. Ich erhoffe mir vom GEOSummit, diesbezüglich interessante Impulse zu erhalten, welche ich dann wiederum für meinen Beruf weiterverwenden kann.