Wer es wagt, kann verlieren. Wer es nicht wagt, hat schon verloren...

Evelyne Binsack

Diplom-Bergführerin, Helikopterpilotin, Extrem-Bergsteigerin, Bestseller-Autorin, ist Abenteurerin aus Leidenschaft. Sie ist im Kanton Nidwalden aufgewachsen und wohnt in der Nähe von Meiringen.

Evelyne, Du warst schon auf dem Mount Everest, am Südpol und am Nordpol. Du hast die «Eckpunkte» unserer Erde besucht. Was hat Dich daran gereizt?

Wie weit soll ich ausholen? Das wäre Stoff für ein neues Buch! Mich reizt vor allem das, was schwierig zu erreichen ist. Ich brauche physische und psychische Herausforderungen, welche man nur schaffen kann, wenn man sich sehr gut darauf vorbereitet. Es braucht Committment und Leidensbereitschaft, wenn man körperlich und mental an die Grenzen gehen will. 

Warum brauchst Du diese Grenzerfahrungen?

Ich suche bewusst den unkonventionellen Weg. Ausgetrampelte Pfade interessieren mich nicht! Es ist doch als Mensch erstrebenswert, herauszufinden, was in einem steckt. Neue Herausforderungen anzupacken um etwas zu bewirken. Wenn es in der Menschheit nicht immer wieder Individuen gegeben hätte, die an die Grenzen des bisher Denkbaren gegangen wären, würden wir immer noch in den Höhlen leben und Beeren sammeln. (lacht). Es gibt viele Menschen, die mit dem aktuellen Standard zufrieden sind. Das ist auch beneidenswert. Aber wenn diese Menschen andere Menschen aburteilen, weil sie mehr tun und mehr bewirken wollen als der Standard, dann wird es problematisch. Oft ist diese Kritik dann nicht sehr konstruktiv. Bevor wir kritisieren, sollten wir immer uns selbst fragen, warum uns etwas ärgert. Wir finden dann heraus, dass wir eine Problematik spiegeln, die eigentlich uns selber betrifft.

Was löst die Widerstände gegen Veränderungen aus?

Es sollte uns beruhigen, zu wissen, dass die meisten Menschen zuerst träge auf Veränderungen reagieren. Denn die Physis und die Psyche des Menschen sind von Natur aus auf Energieoptimierung ausgerichtet und Veränderungen bedeuten für den Menschen in der Regel Stress. Wenn wir aber etwas bewegen wollen, müssen wir bewusst aus diesen Mustern ausbrechen. Veränderungen müssen gezielt angegangen werden. Für mich gilt das Motto: «Wer es wagt, kann verlieren. Wer es nicht wagt, hat schon verloren». 

Wie bereitest Du Dich auf Expeditionen ins Unbekannte vor?

Leider sind die Pioniertaten, wo Menschen gemeinsam in eine völlig unbekannte Welt aufbrachen, vollbracht. Heute starten wir in der Regel von einer gesicherten Position aus. Wir haben viele Informationen und vieles baut auf persönlichen Erfahrungen auf. Sich psychisch und physisch ins Neue hineinzubegeben und sich mit möglichen Extremen auseinanderzusetzen, ist Grundvoraussetzung. In der Vorbereitung auf einer Expedition muss ich mir Fragen stellen wie zum Beispiel: Wie überleben ich tagelang bei minus 40Grad in der Arktis / Antarktis? Welche Lebensmittel nehme ich mit und in welcher Form, die ich während knapp zwei Monaten noch selber in einem Schlitten hinter mir bis zum Südpol herziehen muss? Wie kann ich in heiklen Phasen oder Notfällen auf einem Achttausender handlungsfähig bleiben? Dann taste ich mich mit Vorbereitungstouren jahrelang heran, probiere Sachen aus und lerne laufend dazu, bis ich die Gewissheit und das Vertrauen in mich habe, die grosse Expedition anpacken zu können.. Mittlerweile habe ich mehr als 30 Jahre Expeditionserfahrung in meinem Rucksack!

Das jahrelange Training tönt aber eher mühsam!

Das ist Einstellungssache. Wenn ich ein grosses Ziel vor Augen habe, muss ich auch etwas dafür tun. Wie heisst es doch so schön: «Die Ernte der Erfahrung ist die Erkenntnis». Doch bis man von den Erkenntnissen profitieren kann, muss man oft durch das «Tal der Tränen». In den Medien sieht man meistens nur das «Gipfelbild» eines Erfolges. Alle Strapazen in der Vorbereitung und auf dem Weg zum Gipfel sind kaum sichtbar. Das ist doch im Sport wie in der Wirtschaft fast gleich!

Gehst Du mit deinen Expeditionen nicht ein unnötig grosses Wagnis ein?

Ich bereite mich akribisch vor, simuliere auch Notsituationen, wie beispielsweise Rettungsübungen nach einem Lawinenunglück oder den Abtransport einer schwer verletzten Person in unwegsamem Gelände, wo keine Helikopter hinkommen. Doch ein Restrisiko bleibt immer bestehen, vor allem auch in meiner Tätigkeit als Berufsbergführerin. Hunderte Male üben wir beispielsweise in den Aus- und in Fortbildungskursen, wie wir Stürze angeseilt, aber ungesichert in Steilwänden und auf schmalen Graten verhindern. Als Beispiel: Um den Absturz meiner Seilschaft zu verhindern, musste ich vor ein paar Wochen auf einer Bergtour auf die Gegenseite des Grates ins Leere springen. Sonst wären wir heute alle nicht mehr da (nachdenklich). Der sofortige Sprung ist mir nur gelungen, weil ich mich immer wieder auf überraschende Situationen vorbereitet habe, damit die notwendigen Automatismen in Notfällen auch wirklich funktionieren.  

Was fällt dir spontan beim Begriff "der digitale Lebensraum" ein?

Ich bin ein Naturmensch und liebe das Handfeste. Ich hoffe, dass mit der ganzen Digitalisierung die Menschen den Zugang zur Natur behalten. Wenn ich wählen kann, lebe ich lieber in der realen Welt als in einer virtuellen! Ich bin mir aber auch bewusst, dass es die Digitalisierung braucht. Ich profitiere auf den Expeditionen auch von GPS, Satellitentelefon und Internet für die Wetterprognosen. Doch ich komme auch noch mit Karte, Kompass und Höhenmeter problemlos zurecht! (lacht)

Interview geführt von Pol Budmiger, Leiter GEOSummit