Digitalisierung in der Vermessungsbranche

Interview mit Rico Breu

Der Kulturingenieur ETH und patentierte Ing.-Geometer begann seinen beruflichen Werdegang als Partner in einer Ingenieurunternehmung. 2002 wechselte er zum IT-Servicemanagement der Graubündner Kantonalbank und begleitete das Outsourcing der GKB IT zu T-Systems (Schweiz) AG. Ab 2012 wurde er Leiter der Geschäftseinheit Vermessung und Mitglied der Geschäftsleitung der GEOINFO AG in Herisau. Im Rahmen der Neugründung der GEOINFO-Gruppe übernahm er den Vorsitz der Geschäftsleitung der GEOINFO Vermessungen AG und hat die Entwicklung der Unternehmung und den Wandel in der Ingenieurvermessung geprägt und gestaltet. 

Portrait Rico Breu, GEOINFO Vermessungen AG
Rico Breu, GEOINFO Vermessungen AG, pat. Ing.-Geometer, Kulturingenieur ETH
Rico, was bedeutet Digitalisierung in deinem beruflichen Kontext?

«Die erste digitale Revolution des Vermessungsberufs hat vor vielen Jahren mit der AV93 begonnen. Ich meine damit die flächendeckende Aufarbeitung der amtlichen Vermessung in digitaler Form. An Stelle von Tuschzeichnungen von Hand konnten die Pläne automatisiert hergestellt werden. An der generellen Arbeitsweise hat sich mit der AV93 aber nichts Wesentliches verändert. In den letzten 10 Jahren wurden jedoch immer bessere Sensoren entwickelt. Diese erleichtern die Datenerhebung stark.»

Was wird sich deiner Meinung nach am ehesten verändern im Zuge der Digitalisierung?

«Die Arbeitsprozesse werden grundlegend verändert. Ein Beispiel, das dies sehr gut verdeutlicht: Die Vermessung einer Kiesgrube erforderte früher viele Tage Feldarbeit einer ganzen Vermessungsgruppe. Mit den heutigen Technologien erfasst eine Person in wenigen Stunden die gesamte Datenaufnahme alleine. Die Dauer der Feldarbeit wird stark verkürzt, standardisierte Auswertungen beschleunigen die Datenaufbereitung, es gibt weniger repetitive und viel weniger manuelle Arbeiten und das bei viel höherer Ergebnisqualität. Damit ändert sich auch das Berufsprofil des Geomatikers erheblich. »

Wenn Du die Situation heute mit vor zehn Jahren vergleichst, welches sind die markantesten Veränderungen?

«Es ist erstaunlich: Viele Unternehmen der Vermessungsbranche arbeiten noch fast so wie vor 10 Jahren. Die Werkzeuge sind noch dieselben, die Datenmodelle der AV und die Arbeitsprozesse haben sich kaum verändert. Der Umsatz in der amtlichen Vermessung ist aber seit Jahren stark rückläufig. Die Anforderungen an unsere Vermessungsdienstleistungen im Bereich Infrastruktur-Bau und in der Werterhaltung haben sich sehr stark verändert. »

Das tönt nun aber sehr dramatisch. Hast Du konkrete Beispiele?

"Nehmen wir das Thema Drohnen: Noch vor 20 Jahren war die Produktion von Orthofotos eine «Ingenieurskunst». Sie bedurfte millionenteurer Infrastruktur und langer Planung. Heute kann mit ein paar Drohen und Apps sehr rasch und kostengünstig ein vergleichbares Produkt hergestellt werden. Mag sein, dass es nicht in jeder Hinsicht gleich präzis ist. Es ist aber mit Sicherheit aktueller und günstiger. Drohnen schliessen die Lücke zwischen terrestrischen Aufnahmen und Satellitenbildern. Das klassische Luftbild aus dem Flugzeug oder dem Heli ist schon fast eliminiert, obwohl die Rechtslage für Drohnen noch nicht geklärt ist. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass sich «Spielereien» rasch zu etablierten Lösungen entwickeln. Bestehende Infrastrukturen, langjähriges Wissen oder fehlende, rechtliche Grundlagen können dies nicht mehr verhindern."

Was muss ich mir konkret darunter vorstellen? Kennst du Beispiele?

«Heute erwarten die grossen Infrastrukturbetreiber wie SBB, ASTRA, Swissgrid, Post und viele mehr eine hoch automatisierte Zustandsüberwachung. Beispiele dafür sind geotechnische Sensoren an Brücken, Kunstbauten oder Gleisen. Oder auch die Produktion von Stereobildpaaren in hoher Geschwindigkeit zur Erhebung des Strassenzustands. In der Architekturvermessung gehören heute 3D Rasterlaser Aufnahmen zum erwarteten Standard. Und nicht zu vergessen die Drohnenbefliegungen: photogrammetrische Aufnahmen, Orthofotos und Terrainmodelle sind weitere Produkte, die heute in kürzester Bearbeitungszeit hergestellt werden können. Die Kunden erwarten diese Angebote heute von der Ingenieurvermessung.»

Wer wird von der Entwicklung der Digitalisierung profitieren, wer wird verlieren?

«Vor allem der Kunde. Er bekommt bessere Produkte für günstigere Preise. Verlieren werden diejenigen Berufskollegen, die den technologischen Change in ihren Betrieben verpassen.»

Wie beurteilst du die Entwicklungen in deiner Branche im Vergleich zu anderen?

«Betrachten wir die Bauwirtschaft: Diese ist eine, noch am wenigsten digitalisierte Branche in der Schweiz. Im Vergleich dazu haben Industrie, Telekommunikation, Banking, und viele andere mehr, den Wandel bereits erkannt und setzen die Veränderungen rasch um. Die Vermessungsbranche ist von der Bauwirtschaft abhängig. Entsprechend liegt sie ebenfalls noch im Rückstand. Heute verfügbare Technologien lassen auch eine vollautomatisierte Baumaschinensteuerung zu. Hier haben wir erhebliches Innovationspotential! »

Was ist aus deiner Optik zu tun, damit deine Branche mit der Digitalisierung und den anstehenden Veränderungen schritthalten kann?

«Die Vermessung muss vermehrt den Dialog mit ihren Kunden und Partnern in der Baubranche suchen. Sie muss sich aktiv in deren Prozessveränderungen einbringen. Sie darf nicht zögern, in neue Technologien und gleichzeitig in das Know-how des Personals zu investieren.»

Sprechen wir vom GEOSummit. Was erwartest du vom Thema «der digitale Lebensraum» am Event konkret?

Die Mitglieder des Vereins GEOSummit sollen sich klar zu ihren strategischen Aufgaben und Kompetenzen bekennen. Ich erwarte, dass die Branche im Rahmen des Wandels zu konkreten Fragen Stellung bezieht. Es ist dringend zu klären, wer für welche Aufgaben zuständig ist. Zum Beispiel: «Wessen Aufgabe ist der Aufbau und Betrieb von Geodateninfrastrukturen? Wie regeln wir künftig die Prozesse in der Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung (Bund, Kantone, Gemeinden) und den Unternehmen der Privatwirtschaft? Welche Spielräume hat die öffentliche Hand im Beschaffungswesen und wie können diese ausgeschöpft werden? »

Vielen Dank Rico für das spannende Gespräch!

Interview wurde geführt von
Karen Bennett, Leiterin Kommunikation